Geschichte

St. Andreas heute:
Diese Kirche lebt von ihren Kontrasten, dem Miteinander von Alt und Neu. Die über 800-jährige Geschichte ist immer noch zu erleben, die moderne Ausstattung umfaßt eine bedeutende Gruppe von Kunstwerken.
Die lichten weiten Hallenräume werden von funktionaler Raumgliederung geprägt: Die Orgel von 1970 begrenzt den Gemeindebereich nach Westen, der Chor bietet sich als Taufort an, dessen besonderer Akzent durch den Brunnen "lebendiges Wasser" (J. Weber) gesetzt wird. Wir laden Sie ein zur Entdeckung von Kunst und Kirche in St. Andreas!
Der spätmittelalterliche Baukörper der Kirche führt in seiner Gestalt zurück in die Blütezeit des hansisch-bürgerlichen Gemeinwesens. Einmalig für Braunschweig ist der plastische Bildzyklus am Außenbau, der den Kranz von Dreiecksgiebeln akzentuiert und Glaubensgeschichte ablesbar macht - nicht ohne aktuelle Bezüge bis in unsere Zeit.
"Die Monumentalität der Andreaskirche wird von keinem anderen Sakralbau der Stadt erreicht." Tassilo Knauf, Kunsthistoriker, 1974.
Weit über die eigenständige Neustadt hinaus wurde das Turmwerk als Symbol für die Unabhängigkeit der Fünf-Städte-Stadt Braunschweig verstanden. Es erreichte im Jahre 1544 die Marke von 122 Metern, die Südspitze galt als dritthöchster Turm in Mitteleuropa.
Immer wieder ist die Turm- und Vorplatzsituation abgebildet worden, seit dem 19. Jahrhundert vor allem als Motiv, das eine romantische Identifikation mit dem "alten" Braunschweig erlaubte. Diese besondere Anziehungskraft scheint jetzt durch die Rekonstruktion des Speichergebäudes "Alte Waage" (1534/1994) wieder aufzuleben.
Wenn sich St. Andreas, die Pfarrkirche der einstmals durch Handwerk geprägten Neustadt, auch zwischenzeitlich im Abseits, außerhalb der "Einkaufszone" befunden hat, so mag gerade dieser Sachverhalt zusammen mit der neu erwachenden Urbanität den Ansatz zu echter Traditionsbildung darstellen, hier im Stadtviertel "unter den Andreastürmen".

Von der Fischersiedlung zur Handwerkerstadt
Eine Pfarrkirche existiert für und durch ihre Gemeinde - ohne die christliche Gemeinschaft kann sie nicht sein. Blicken wir also zuerst zurück auf das Gemeinwesen, das die mittelalterliche Architektur von St. Andreas wünschte, förderte und prägte.
Die Anfänge in diesem Siedlungsbezirk gehen wahrscheinlich auf ein Fischerdorf nahe dem Hauptlauf des Okerflusses zurück. Wohl schon unter Herzog Heinrich dem Löwen (gest. 1195), sicher jedoch im frühen 13. Jahrhundert setzt eine Entwicklung zur städtischen Siedlung ein: Die Bezeichnung "nova civitas" tritt das erste Mal im Jahre 1231 auf, eine eigene Ratsverfassung stammt von 1257. In der Frühzeit muß auch die Okerschiffahrt eine bedeutende Rolle gespielt haben.
Die erste Kirche entstand auf dem festen Baugrund der westlichen Niederterrasse. Die Grundanlage führt in das 12. Jahrhundert zurück, eine Überformung erfolgte erst nach 1945 mit dem Ausbau der Langen Straße, die heute zum "City-Ring" gehört. - Im historischen Grundriß sind die Kirche und das Rathaus, die Mühle am Neustadttor und die Waage bezeichnet. Die Neustadt fügte sich ein in die Gruppenstadt Braunschweig, deren fünf autonome Teilstädte ("wicbilde", neuhochdeutsch Weichbilde") sich zu einem Gesamtorganismus zusammengeschlossen hatten. Die Bürgerschaft bei St. Andreas nahm eine Mittlerrolle zwischen den beiden wirtschaftlich führenden Weichbilden Altstadt und Hagen ein.
In den zeitweiligen Animositäten dieser beiden Teilstädte ist der Grund dafür zu suchen, daß der Allgemeine Rat der "Fünf-Städte-Stadt" weder am Hagenmarkt noch im Altstadtrathaus tagte - er versammelte sich im Rathaus der Neustadt.
Die mittelalterliche Stadt erhielt bald nach 1200 eine nochmals erweiterte Ummauerung. Auf dieser Fläche bildeten sich fünf eigenständige Bezirke aus, die jeweils einen eigenen Rat besaßen. Allgemeine Fragen behandelte ein Gesamtrat. Diese politische Struktur blieb bis 1671 erhalten. Die Mauer umschloß außerdem die Burgfreiheit und das Aegidienkloster, in denen jedoch ein anderes Recht galt.
Das Grundrißbild der Neustadt läßt sich als "Strahlensystem" beschreiben, das seinen Ausgangspunkt am Radeklint besitzt. In seiner Regelhaftigkeit ist es ein Stadtbaugebilde von eigener Schönheit.
In diesem Bezirk siedelten sich vor allem Metallhandwerker an ("Beckenwerkerstraße" - Metallkaufleute und Produzenten von Messingbecken, "Kupfertwete"). Der Name "Weberstraße" verweist auf die Tuchherstellung. Die Bevölkerungsstruktur blieb in der gesamten hansisch-bürgerlichen Zeit vom 14. bis ins 17. Jahrhundert mittelständisch geprägt. Dieser Epoche haben wir vor allem die Architektur der Hallenkirche, die Giebelzier und das gewaltige Turmwerk zu verdanken. Wenn die Pfarrgemeinde im Spätmittelalter nur 2.500 Seelen zählte, so erscheinen die baulichen Leistungen um so erstaunlicher.

Die weitere Entwicklung der Neustadt
Nach der Rückeroberung Braunschweigs 1671 durch die welfischen Fürsten, während der absolutistischen Barockzeit, rückte die Neustadt an den Rand des gesellschaftlichen und kommerziellen Geschehens. Die abseitige Lage blieb bis in das 20. Jahrhundert bestimmend.
Das Stadtviertel wurde in den 30er Jahren Ziel der national-sozialistischen Stadtsanierung, die sowohl die Besserung der heruntergekommenen Fachwerkbauten im Auge hatte wie auch die Bereinigung" der sozialen Situation. Denn hier im alten Quartier " hatten Sozialdemokraten und Kommunisten starken Rückhalt -ganz im Gegensatz zu den Villenstraßen und der bürgerlich geprägten Neubauzone im äußeren Ringgebiet.
Die Nachkriegsplanung schuf in der Neustadt auf fast vollständig zerstörtem Terrain ein ruhiges Innenstadtgebiet am Rande der City, etwas entfernt von Hektik und Geschäftswelt. Der bis zur Kriegszerstörung erhaltene Bestand an Fachwerkbauten reichte zeitlich bis in das 15. Jahrhundert zurück.

Baugeschichte

Die ältere Geschichte dieser Kirche muß aus dem Bauwerk selbst herausgelesen werden oder aber aus archäologischen Spuren. Der erste urkundliche Nachweis für die St. Andreaskirche fällt das Jahr 1290, weit über ein Jahrhundert seit der Gründung da schon vergangen!

Dorfkirche

Ein seltsames Kapitell (Säulenhaupt) am Nordostportal liefert uns den Hinweis auf die Anfänge: Es stammt aller Wahrscheinlichkeit nach von der ältesten Kirche an dieser Stelle, seine Spiral-Motive gehören in die Jahre um 1 1 60. Die Fundamente dieses Bauwerkes sind 1897 unter dem Fußboden aufgefunden worden: Der Grundriß entsprach dem Dorfkirchenschema des Braunschweiger Landes - war jedoch mit rund 30 Metern Länge deutlich größer dimensioniert.

Basilika

Der nächste Kirchenbau erwuchs aus dem inzwischen gewonnenen städtischen Wohlstand und brachte einen völligen Wandel der äußeren Gestalt: in der Nachfolge auf den Dombau Heinrichs des Löwen, dessen Grundsteinlegung 1 173 erfolgte, und die Bürgerkirchen St. Martini und St. Katharinen, die nach 1190 begonnen wurden, errichtete man in der Neustadt wohl seit etwa 1 230 ebenfalls eine Basilika auf kreuzförmigem Grundriß. Bei diesem Typus führen die Fenster der hohen Baukörper das Licht von weit oben herein; das Grundrißschema bildet ein nach Osten ausgerichtetes Kreuz. An das Hauptschiff lehnten sich noch schmale niedrige Seitenschiffe an.
Von dieser Basilika sind bis auf den heutigen Tag die Pfeiler und die dazwischen im Mittelschiff ausgespannten Gewölbe erhalten. Es sind schlichte Kreuzgratgewölbe ohne Rippen. Auch die ehemaligen Kreuzarme besitzen gleichartige Gewölbe.
Nach stilkundlichem Vergleich entstanden die Spiral-Motive um 1 1 60 und gehören damit zur ersten Kirchgründung, die sonst nur durch Ausgrabungen nachgewiesen ist. Die Kirchengrundrisse stellen die drei aufeinanderfolgenden Bauphasen von St. Andreas dar.

Bauwerk I: Saalkirche mit querrechteckigem Turm nach dem Dorfkirchenschema, wohl um 1160 errichtet.

Bauwerk II:
Basilika, noch ohne Turmwerk. Baubeginn etwa 1230. Bis heute blieben die Hauptpfeiler, die Gewölbe des Kreuzgrundrisses sowie die Stirnmauern der Querhäuser erhalten.

Bauwerk III:
Der Turmbau ab 1250 bereitet die Umgestaltung zur dreischiffigen Hallenkirche vor. Seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert entstanden neue Außenmauern in der Fluchtlinie der alten Querarme, um den Kirchenraum nach Süden und Norden zu erweitern. Anschließend der Ausbau im Osten. Die Sakristei gehört noch in die Jahre vor 1400, die 5/8-Apsis entstand wenig später.
Bauwerke I, II, III

Turmwerk und Hallenbau
Mittlerweile favorisierten die Bürgergemeinden die Bauform der Hallenkirche mit drei gleich hohen, gleich breiten Räumen. Der Turmblock für St. Andreas, nach 1250 begonnen, bereitet in seinen Abmessungen einen Umbau bereits vor. Und noch eines zeichnete sich schon im Untergeschoß ab: Hier in der Neustadt beabsichtigte man, den höchsten Kirchturm der Stadt zu errichten! Das allerdings sollte noch drei Jahrhunderte dauern.
Zunächst, in den Jahren um 1 300, begann man mit dem Hallenumbau. Neue Außenmauern und aufwendige Wanddurchbrüche waren erforderlich, nach und nach entstand die gestreckte kastenförmige Außengestalt. Zu erkennen sind diese neu aufgeführten Gewölbe übrigens an ihrer Rippenbildung. Jetzt fehlten nur noch die äußeren Ziergiebel, die etwa gleichzeitig mit dem hochgotischen Glockengeschoß am Turm, um 1400, hinzugefügt wurden.
Eine letzte Etappe bildet das Wirken von Barward Tafelmaker als Baumeister des Südturmes (bis 1532 die Steinwerke). Die nachfolgenden Generationen haben nur noch gebessert und erhalten, wiederaufgebaut und repariert. Gänzlich Neues kam nicht mehr hinzu.

Die Giebelzier: Gotische Bildwerke

Die dreiecksförmigen, den Kirchenbau gleichsam bekrönenden Ziergiebel sind ein Charaktermerkmal für die Gruppe der mittelalterlichen Braunschweiger Stadtpfarrkirchen. Bis in den profanen Bereich wirkte dieses Motiv, das heute noch am Altstadtrathaus zu sehen ist (bis 1773/85 auch am Neustadtrathaus).
Die spätmittelalterlichen Giebeldreiecke sind zumeist mit geometrischen Zierformen belegt, plastische Bildwerke stellen die Ausnahme dar. Ein gotisches Figurenprogramm als Bildzyklus besitzt nur St. Andreas.
Das Bildprogramm ist - mit knappen Zusatzinformationen versehen - für jeden ablesbar und in seiner Thematik leicht verständlich. Die Figuren wurden von einheimischen Meistern und Gesellen geschaffen. Figürliche Darstellungen am Außenbau Nordseite: Der hl. Andreas am Kreuz (Datum 1419) Im Osten beginnt die Szenenfolge zur Kindheit Jesu Ost 1 : Zwei Propheten Ost 2: Marienverkündigung (Datum 1405) Südseite, vom Chor zum Turm Süd 1 : Anbetung der Könige Süd 2: Flucht nach Ägypten Süd 3: Der Kindermord von Bethlehem Süd 4: Der zwölfjährige Jesus im Tempel.

Kröppelstraße.
Der Name Kröppelstraße ist auf die Darstellungen des Bildfeldes Süd 4 bezogen worden - eine zwar nachvollziehbare, jedoch falsche Deutung der als "Krüppel" mißverstandenen Schriftgelehrten. Zur Legendenbildung trägt bereits das Schichtbuch des Hermen Bote bei (um 1520), in dem die Auffassung vertreten wird, daß reiche Kaufleute, an schweren körperlichen Gebrechen leidend, den Erstbau der Kirche finanziert hätten.
Eine andere Deutung könnte sich von den halbplastischen Figuren an den stützenden Strebepfeilern herleiten (R. Dorn): Dort sind seltsame Gestalten in unheilabwehrender Manier dem Kirchenbau als Helfer unterworfen worden. Die Reliefs sind leider durch den Steinzerfall fast gänzlich zerstört.

Die Liberei und der Pfaffenkrieg

Eine außergewöhnliche Bibliothek. Als Liberei wird ein kleines turmähnliches Gebäude bezeichnet, fertiggestellt 1422, auf das man nur wenige Schritte südöstlich der Kirche an der Kröppelstraße trifft. "Liber" ist die lateinische Bezeichnung für Buch.
Es ist das einzige mittelalterliche Ziegelgebäude in Braunschweig und zugleich der erste Vorposten der nordischen Backsteinarchitektur, die das Gesicht der Städte im Tiefland und entlang der Ostseeküste bis heute prägt - denn dort fehlten ja brauchbare Werksteinvorkommen.
Erzählt wird, daß dieses Gebäude durch den Pfarrherrn zu St. Andreas als Sühneleistung errichtet werden mußte, nachdem er sich im sogenannten Pfaffenkrieg gegen den Rat gestellt hatte. Ein Schmuckfries unter dem Staffelgiebel an der Südseite weist auf einen solchen Zusamenhang: links finden wir das Wappen des Herzogs, das auch vom Blasiustift geführt wurde, mittig den Braunschweiger Ratslöwen, rechts das "sprechende" Wappen des Pfarrherrn Embern (Ember = Zuber, Eimer). Eine Reihe von schreitenden Löwen verbindet diese drei Parteien miteinander, was an einen Friedensschluß denken läßt.
Laut archivalischer Uberlieferung war das kleine Bauwerk jedoch schon 1412/13 im Rohbau fertig, vor Beginn des Pfaffenkrieges. Dachdeckung und Inneneinrichtung erfolgten erst nach 1420. Die kleine Bücherei, in der damals immerhin über fünfzig handgeschriebene Bücher aufbewahrt wurden, war von vornherein auch für die Allgemeinheit bestimmt, ihre Nutzung sollte den Geistlichen und "allen sonstigen ehrwürdigen Personen" erlaubt sein. Es handelt sich damit also um den Vorläufer der öffentlichen Bibliotheken der Stadt Braunschweig.
"Der geschichtsliebende und altertumsfreundliche Besucher oder Einwohner Braunschweigs gewahrt an der Kröppelstraße ein kleines eigenartiges Gebäude ... den vielleicht ältesten noch erhaltenen, für sich stehenden Bibliotheksbau, den wir heute in Deutschland besitzen." Paul Lehmann, Altphilologe und Mitglied der Münchener Akademie der Wissenschaften, 1935.
Der kleine Backsteinbau erlitt im Zweiten Weltkrieg erhebliche Schäden. Einer vorläufigen Sicherung der Südseite folgte später, als die Ziegelproduktion wieder glasierte Formsteine liefern konnte, die Neuerrichtung der Traufseiten und eine abschließende Ergänzung am Südgiebel.

Der Pfaffenkrieg 1413 -1420

Die Auseinandersetzung entzündete sich am Wunsch des Gemeinen Rates, neben den bestehenden geistlichen Schulen an den beiden Stiften St. Blasius und St. Cyriacus und im Aegidienkloster eigene Lateinschulen einzurichten. Die führenden Kleriker der Stadt, zu denen auch Johann Embern gehörte, fanden sich im Stiftskapitel St. Blasii zusammen.
Der Streit eskalierte vor allem durch eine ganz andere Frage, die Pfarramtsvergabe der Ulrichskirche, die das Stiftskapitel für sich beanspruchte. Eine durch Ratsmitglieder tolerierte Gruppe besetzte schließlich diese Kirche. Beide Parteien erwirkten geistliche Strafmandate, mit denen jeweils die Gegenseite in den Kirchenbann getan wurde. Folge für St. Andreas: die Kirche wurde geschlossen. Angeblich soll über sieben Jahre hinweg kein Gottesdienst stattgefunden haben.
Schließlich mußten sich die durch lange Delegationsreisen und ausgegebene Bestechungsgelder finanziell erschöpften Parteien doch verständigen; der städtische Rat konnte sich weitgehend durchsetzen. Die damals gegründeten Schulen Martineum und Katharineum leben noch heute als Gymnasium fort.

Spätmittelalter: Ein geistliches Großuntemehmen.

Volksfrömmigkeit und Kirchenorganisation. Die spätmittelalterliche Frömmigkeit ist von einer besonderen Intensität geprägt. Diese Epoche wird auch als Zeitalter der Stiftungen bezeichnet, die Zahl der Altäre wuchs bis 1495 auf insgesamt 17 an! - Die Pfarrkirche der damaligen Zeit war ein geistliches Großunternehmen: Der Pfarrherr betrachtete die Stelle als Pfründe (Einnahmequelle) und übertrug die Amtsgeschäfte häufig an Heuerpfarrherrn, die ihrerseits Altaristen und - oft schlecht ausgebildete - Prediger engagierten. Etwa zwanzig Personen geistlichen Standes sind allein für St. Andreas vor der Reformation zu zählen. Das plastische Werk schmückte wahrscheinlich die Frontseite eines der 17 Altäre. Die Bildaussage steht für Angst und Hoffnung der spätmittelalterlichen Zeit. Die "Heilssehnsucht" konnte jedoch durch Organisation, Ritus und fromme Spenden auf Dauer nicht gestillt werden. Die reformatorischen Auseinandersetzungen begannen dann auch folgerichtig bei der Frage des Ablasses: Wodurch ist der Christ vor Gott gerechtfertigt? - Nur durch den Glauben allein, so formulierte Martin Luther. Und dies tat er im bewußten Gegensatz zum Loskauf von zeitlichen Höllenstrafen durch den Ablaß.
Bildlich erfaßt ist dieses Schrecknis der Hölle auf der Reliefplatte von 1480 wiederzuentdecken, die an der Turminnenwand hängt: Christus als Weltenrichter thronend über der Szenerie, unten schreiten links die Seligen ins Paradies, rechts werden die Verdammten in den Höllenrachen geschleppt. Wer sich zu dieser Gruppe rechnete, mußte zwangsläufig von der Angst gepackt werden.

Wer war Sankt Andreas?

Andreas gehört zu den Zwölf Aposteln und stammt aus einer Fischerfamilie. Zuerst Jünger des Johannes, folgte er mit seinem Bruder Simon, genannt Petrus, dem als Messias erkannten Jesus nach. Christus beruft ihn zur Ausbreitung des Evangeliums.
Zahlreiche Wunder und Heilungen werden ihm zugeschrieben. Der Statthalter Egea von Patras läßt sich allerdings nicht überzeugen. Auf sein Geheiß soll der Apostel einen langsamen Tod sterben und wird an ein Gabelkreuz gebunden (in der Kunst erst vom 13. Jahrhundert an so dargestellt). Andreas predigt jedoch weiter, himmlisches Licht verhüllt den Sterbenden.
In älteren Aufzeichnungen wird berichtet, daß die St. Andreaskirche in Braunschweig zwei sehr, sehr kostbare Reliquien besaß: einen Arm des Apostels sowie Teile von dessen Schädel, die in einem silbernen Kopfreliquiar geborgen waren. Angeblich soll sich aber das Haupt des Heiligen vor 1450 in Patras (Griechenland) befunden haben; von dort gelangte es nach Rom und wurde im Jahre 1964 an seinen alten Ort zurückgebracht.

Ein Turm als Symbol städtischer Freiheit

Das Turmwerk von St. Andreas lediglich im innerstädtischen Vergleich zu werten, greift zu kurz. Denn zugleich war eine Repräsentation nach außen entstanden, die die stolze Unabhängigkeit der Bürgerstadt Braunschweig signalisierte. In dieser Weise ist das Turmwerk von zeitgenössischen Holzschnitzern und Kupferstechern auch wahrgenommen worden. Ein nationaler Mythos nahm hier seinen Anfang.

Seit 1544 galt der Südturm von St. Andreas, dessen Spitze 122 Meter erreichte, als der dritthöchste Turm in Mitteleuropa, übertroffen nur noch vom Straßburger Münster und dem Wiener Stephansdom.


Für den damaligen Landesherrn mußte die steile Zeltspitze geradezu den Gipfel der Unbotmäßigkeit darstellen, hatte man doch während seiner Vertreibung durch das evangelische Bündnis der "Schmalkaldener", zu dem auch die Stadt Braunschweig gehörte, das Holz dazu aus seinen Forsten geschlagen. Als sich das Blatt gewendet hatte, setzte gerade dieser Fürst, Herzog Heinrich d. J. von Braunschweig-Wolfenbüttel, einen hohen Preis für denjenigen aus, der den Turmhelm herunterholen würde: Während der Belagerung von 1550 schoß man, so wird berichtet, 467 Mal die Kanonen darauf ab. Ohne Erfolg!


Eine Reihe von Unglücksfällen reduzierte die Turmhöhe. Dem Absturz in einem schweren Sturm des Jahres 1551 folgte der Neuaufbau 1559 (108 Meter), nach Blitzschlag und Brand entstand 1740-42 die geschweifte Barockhaube (93 Meter), die bis 1944 erhalten blieb - seit dem Jahre 1955 wieder oder immer noch der höchste Kirchturm der Stadt!


Barward TafeImaker - der letzte Baumeister an St. Andreas
Die Geschichte des Turmwerkes im 16. Jahrhundert verbindet sich eng mit der Reformation einerseits, mit dem Baumeister Barward Tafelmaker andererseits. Durch seinen eigenhändigen Bericht sind wir über die Bauperiode von 1518-1559 gut unterrichtet. Als begabter Techniker, der sich hohes Ansehen in ganz Norddeutschland durch seine "Wasserkünste" erwarb, hatte er schnell das Konstruktionsprinzip der Türme begriffen, die gerade eben über das Glockenhaus gediehen waren. 1518 erhielt er seinen Bauauftrag, die Gläubigen gaben willig - ihrem Seelenheil zuliebe. Die Steinwerke des Südturmes waren bald um weitere zwei Geschosse erhöht. "Gerade als wir einen neuen Steinbruch auf dem Elme abgeräumt hatten, um auch den Nordturm zu bauen ... fing Dr. Luther an zu schreiben, daß die guten Werke nicht verdienstlich sondern sündlich wären. Nun wollte keiner mehr dazugeben, wir mußten den Bau stehen lassen ..." 1532 waren die finanziellen Mittel erschöpft. Ein bis heute sichtbares Dokument der reformatorischen Ereignisse ist das unvollendete Steinwerk des Nordturmes.


Tafelmaker verlor seinen Arbeitsplatz und sparte offenbar nicht mit Kritik. Das wird wohl der Grund gewesen sein, warum ein anderer die hohe Südspitze aufsetzten durfte. Für den nächsten Helm von 1 559 war er selbst wieder zuständig. Der letzte Baumeister von St. Andreas starb als angesehener und wohlhabender Mann. Sein Wohnhaus stand unter dem Kirchturm an der Ecke zur Weberstraße.


Renaissance und Barock
Nach einer ersten reformatorischen Phase, die von einer sehr deutlichen Konzentration auf das verkündete Wort geprägt war, verstärkte sich zum Ende des 16. Jahrhunderts wiederum das Bedürfnis nach Ausschmückung und Versinnbildlichung.
St. Andreas erhielt eine Reihe von Prinzipalstücken im zeitgenössischen Renaissance-Stil: zunächst einen neuen Altar, der um 1580 angefertigt wurde. Dann eine neue Kanzel, die 1610 entstand; die davon erhaltene Trägerfigur des hl. Andreas kommt aus der Werkstatt des damals vielbeschäftigten Georg Röttger. Der Holzbildhauer, einer der führenden norddeutschen Künstlern seiner Zeit, gehörte zur Gemeinde von St. Andreas. Besonders bedauerlich ist, daß sein Erinnerungsmal (Epitaph, das mit einem Portrait versehen war), 1944 zugrunde ging .
Die Autonomie der Stadt endete nach Belagerung und Unterwerfung im Jahre 1671. Baumaßnahmen im Gefolge der Reformation entstand das Speichergebäude der Alten Waage (1534), vom Gotteshaus nur wenige Meter entfernt. Das Holzwerk wurde 50 Jahre nach seiner Zerstörung neu hergestellt (1994).

Vom Orgelprospekt

aus dem Jahre 1634 blieb eine Reihe von Zierstücken im typischen Ohrmuschelstil (Übergang Renaissance zum Barock). Ihre Restaurierung konnte vor kurzem abgeschlossen werden. Sie werden an der Turmwand gezeigt.

Eine tiefe Zäsur in der Geschichte der Stadt bedeutete die Unterwerfung des selbständigen bürgerlichen Gemeinwesens im Jahre 1671 . Zugleich mit den siegreichen Welfenfürsten zog auch der Barockstil in die Stadt ein. In der Folgezeit verlagerten sich die Schwergewichte von Politik und Wirtschaft in andere Stadtviertel (Bohlweg mit Stadtschloß, Altstadtmarkt als Messegelände). Für die Neustadt begann eine eher gemächliche Zeit.

Vorstellungswandel

Der Vorstellungswandel vom angemessenen Inneneindruck einer Kirche läßt sich an der Geschichte der Altäre verfolgen: Das Werk der Renaissance hielt man bald für unpassend, ein großer Barockaltar mußte her. Der wurde in der nächsten Epoche, dem Biedermeier, einer sogenannten Vereinfachung unterzogen, und gut 50 Jahre danach setzte der Historismus seine eigene Auffassung durch. Nach der Kriegszerstörung blieben nur wenige Epitaphien der Renaissance- und Barockzeit erhalten. Stellvertretend für die raumgreifende barocke "Inszenierung" sei hier das Erinnerungsmal für Heinrich Kalm vorgestellt. Aus dieser Zeit, deren ästhetisches Empfinden nach räumlicher Bewegung verlangte, stammt auch die geschwungene Haube des Südturmes (1740-42).
Das Glaubensleben zeigte vor allem im 17. Jahrhundert deutliche Züge einer Erstarrung. Während die konfessionellen Gegensätze zum Dreißigjährigen Krieg eskalierten, versuchten die Pastoren in stundenlangen theologischen Exkursen die Reinheit der Lehre zu bewahren; Langeweile breitete sich aus. Schließlich mußte man diejenigen lobend erwähnen, die niemals bei der Predigt schlafend beobachtet wurden.

Das 19. Jahrhundert: Pfarrbezirk als Tortenstückchen

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Friedhöfe aus hygienischen Gründen vor die Tore der Stadt verlegt. Das Ziel der Maßnahme war, den Bestattungsplatz von den Brunnenanlagen der benachbarten Grundstücke zu trennen. Behielt man die Toten bisher bei der Kirche, so waren es nun fünfzehn Wegminuten bis zum "Gottesacker".
D
och die Stadt holte den Friedhof wieder ein. Der Startschuß fiel mit der Niederlegung der gewaltigen Bastionärsbefestigung in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Umgestaltung zu Parkanlagen und Villenstraßen zog sich dann über mehrere Jahr-zehnte hin. Heute noch sichtbare Erhebungen, wie etwa der Gaußberg, sind die Überreste der alten Bastionen.
Der Siedlungsausweitung entsprach die Bevölkerungsentwicklung. Für das 16. Jahrhundert werden etwa 2.500 Gemeindeglieder geschätzt, 1825 war die Zahl auf rund 4.000 Seelen angestiegen, im Jahre 1914 gehörten zum Bezirk von St. Andreas bereits 16.000 Menschen.
Spürbar wird hierbei aber auch eine Veränderung der Rolle der Kirche im Leben vieler Menschen, denn die Zahl der eingepfarrten Bevölkerung ist nicht mit den aktiven Kirchgängern gleichzusetzen.
Die Siedlungsentwicklung nach außen beschleunigte sich in der zweiten Jahrhunderthälfte. Die bisherigen Pfarrsprengel der Innenstadtkirchen wurden mit ihren Grenzen nach außen verlängert. Nun ergab sich für die St. Andreaskirche als Parochie eine Art Dreieck, in dessen Spitze die Gemeindekirche lag. Kartographisch sieht das aus wie ein Tortenstück.
Die Trassierung zieht sich häufig über unbebaute Garten- und Feldgrundstücke. Das damals entworfene Gesamtsystem prägt bis heute das Braunschweiger "Ringgebiet".

Gesellschaftliche Unterschiede
Der Vielfalt der in den Pfarrbezirk einbezogenen Stadträume entsprach eine klar erkennbare gesellschaftliche Differenzierung, Im alten, durch enge Gassen und Fachwerk geprägten Innenstadtquartier fand sich eine mittelständisch-kleingewerbliche Mischung mit deutlichen Übergängen zur geringer bemittelten Arbeiterschaft zusammen. An der Langen Straße, Weber- und Beckenwerkerstraße rekrutierte sich das Wählerpotential der Links-Parteien. In der Umgebung des Werders sah man in die Elendsquartiere der Stadt, was ein Reimwort treffend ausdrückte: "Mauernstraße, Klint und Werder, davor hüte sich ein Jeder."
In den Villen der Wallringes wohnte die Führungsschicht der Stadt: Bankiers, Unternehmer und hohe Beamte; im Außenring nahm überwiegend das mittlere und gehobene Bürgertum seinen Wohnsitz. Vor allem aus diesen Kreisen kamen auch die vielen privaten Geldgeber für die Sanierungsvorhaben im Inneren der Kirche, die 1897 in Angriff genommen wurden und die im Endeffekt einer fast vollständigen Neuausstattung gleichkamen. Ein opulenter Historismus, der überwiegend als Neogotik in Erscheinung trat, prägte den Kirchenraum bis 1944.

Beliebtes Motiv: Kirche, Wollmarkt, Alte Waage
Justus Herrenberger stellt 1994 in der Festschrift zur Einweihung der neuerrichteten Alten Waage fest, daß Braunschweig drei Plätze mit historischem Symbolwert besaß, die in immer neuen Varianten während der letzten Jahrhunderte abgebildet worden sind: Burgplatz, Altstadtmarkt und eben der Straßenzug Wollmarkt mit seiner südlichen Fortsetzung Alte Waage.
Der Name dieses Platzes bezog sich im engeren Sinne auf das Speichergebäude und Waagehaus der Neustadt von 1534, das sich bis dicht an die Andreaskirche heranschob. Bis zu seiner Zerstörung im Jahre 1944 markierte der gewaltige Fachwerkbau den eindrucksvollen Kontrapunkt zum himmelhoch aufragenden Steinwerk der Kirchtürme.
Die ehedem identitätstiftende Wirkung festzustellen, ist sicher richtig. Für eine "Neu-Erschaffung" nach 50 Jahren Abwesenheit kann dies allerdings nur bedingt als Argument gelten. Die simple Nachschöpfung ist eher der Beleg für eine aktuelle Orientierungslosigkeit, die sich nicht mehr auf einen gemeinsamen Ausdruck moderner Architektur verständigen kann. Offen bleibt die Frage, wie unsere - bauliche - Umwelt in Zukunft aussehen soll.
Als Versäumnis der Nachkriegszeit erscheint zumindest, daß erkennbare "Individualitäten" eingeebnet worden sind. Wohn- und Geschäftsbebauung erscheinen nüchtern, karg, funktionalistisch. Gestaltungsraum für ansprechende Details, die unseren Augensinn herausfordern, die neue Entdeckungen ermöglichen, blieb nicht mehr. Diese optische Qualität finden wir jedoch im Großen wie im Kleinen an der alten Kirche wieder.

Zerstörung und Wiederaufbau der Neustadt

Vierzig mehr oder minder schwere Luftangriffe hatte die Stadt und ihre Bevölkerung zu erdulden. Die Tage jedoch, die die Menschen in Bunkern zubrachten, addierten sich zu Wochen und Monaten, da die alliierten Bomberflotten den Weg nach Berlin häufig über Braunschweig nahmen - und keiner konnte wissen, ob diesmal nicht doch die eigene Stadt gemeint war.
Bereits im Februar 1944 waren die ersten Bombenschäden im Umfeld der Kirche zu registrieren, das Fachwerkgebäude der Alten Waage war zum größeren Teil vernichtet. Beim Angriff am 13. August erlitt das Pfarrhaus einen Volltreffer, Brand- und Sprengbomben demolierten die Andreaskirche in schlimmer Weise: Das Dach war ruiniert, sämtliche Fenster zerborsten; der Druck einer Luftmine hatte einen großen Lindenbaum entwurzelt und ihn dorthin befördert, wo am Tage zuvor noch die Gemeinde Platz genommen hatte. - Das Bild des Lindenstammes ist zum Symbol der Zerstörung von St. Andreas geworden.
Nach dem Totalangriff auf Braunschweigs Innenstadt, der am 15. Oktober 1944 ab 1.50 Uhr erfolgte, hatte sich der Schaden an der Kirche nur unwesentlich vergrößert. Doch welch ein Anblick ringsum! Das Stadtviertel war vollständig vernichtet, das alte Fachwerk im Feuersturm restlos untergegangen. Eine Trümmerwüste dehnte sich vor den Augen der entsetzten Menschen aus.
Der Zerstörungsgrad beträgt annähernd 100 Prozent.

Wiederaufbau der Neustadt

Die Nachkriegsjahre waren von Not und Elend geprägt. Ein ganz neuer Anfang mußte gewagt werden. Nachdem ein erster Verkehrswegeplan skizziert war, dessen Grundlinien sich heute noch im "City-Ring" ausprägen, konnte der Wiederaufbau in der Neustadt - die jetzt zum Wohnviertel deklariert war - beginnen. Eine erste Kontroverse um die Gestalt der Gebäude und der Platzanlage löste ein städtebaulicher Wettbewerb der Jahre 1946/47 aus. Interessant ist es zu beobachten, daß die meisten der in der Preisgruppe vertretenen Architekten den Baukörper der "Alten Waage" in modernen Materialien als Blickfang wieder errichten wollten.
Das Neustadtgebiet war einer der ersten Aufbauschwerpunkte in der Braunschweiger Innenstadt. Innerhalb weniger Jahre entstanden in diesem Bezirk 1000 Wohnungen. Schlichtbauten der 50er Jahre prägen heute noch das Gesicht des Viertels, und der aufmerksame Beobachter findet eine Reihe von Inschriften und Mosaiken, die mit Stolz die gerade vollbrachten Leistungen anzeigen. mit ein.


Aus: Slawski, Robert: St.Andreas - Neustadt - Braunschweig.
Hrsg. vom Kirchenvorstand der St.Andreasgemeinde zu Braunschweig. -
Braunschweig: Evang.-Luth Kirchengemende St.Andreas, 1996
ISBN 3-9805173-0-6
NE: HST